Sinn und Unsinn von Agile-Maturity-Modellen

In vielen Erstgesprächen stellt mein Klientel die Frage, ob ich ein Agile-Maturity-Modell empfehle könne. Klare Antwort: »Nein«.

Ein Modell hilft, eine Situation ungefähr einzuordnen. Das kennen wir von der Wettervorhersage. Umgekehrt sagt man auch, dass vollständige Modelle dem modellierten System selbst entsprechen – und damit ihre vereinfachende Wirkung verlieren.

Modelle zur Einordnung der »Agile Maturity« einer Organisation sollen helfen, den Grad der »Agilisierung« zu veranschaulichen, und empfehlen lineare Schrittabfolgen, um die nächste Stufe zu erreichen. Gerne werden sie als Benchmark verwendet, also zum Vergleich mehrerer Organisationen. Wenn bereits das Modell eine unzulässige Simplifizierung ist, wie hilfreich kann der darauf basierende Vergleich sein?

Reifegrad-Modelle basieren auf festgelegten Stufen. Gradlinig und zielstrebig geht es von links unten nach rechts oben. Modelle vereinfachen nicht nur, sie übertünchen geradezu die Komplexität und stülpen Ihnen und Ihren Teams Schablonen über. Wer der Schablone nicht entspricht, ist »falsch« und muss korrigiert werden. Das ist kein Menschenbild, mit dem man an vertrauensvoller Kollaboration arbeiten kann.

Modellhafte Darstellung von Reifegrad-Modellen.
In dieser modellhaften Darstellung eines Maturity-Modells stürzt die Anwenderin ab. Ihre Situation passt nicht ins Bild des Modells.

So nehmen Modelle keinen Bezug auf Ihre konkrete Situation, und können nicht mit für Ihre Organisation sinnvollen Abweichungen von der modellierten Sicht auf die Welt umgehen. Das ist einer der Gründe, warum es so viele Modelle gibt; für verschiedene Branchen und Organisationstypen, in Größe nach Köpfen oder nach DAX-Zugehörigkeit. Das ist der Versuch, Vereinfachung und Konkretisierung gleichzeitig zu erreichen. Beratungen versuchen so, die Relevanz des eigene Angebots für die Zielgruppe zu erhöhen.

Dennoch ist die Frage nach der Reife eines Systems wertvoll, um zu verstehen, in welchen Bereichen Verbesserungen möglich oder nötig sind.

Auf Ihre Situation passende Fragen und Potenziale kennen nur Sie selbst.

Basis dafür sind ihre Ziele. Was wollen Sie erreichen, worauf arbeiten Sie hin?

Allgemein gesprochen zielt beispielsweise Scrum darauf ab, am Ende eines Sprints ein fertiges, nutzbares und auslieferbares Produktinkrement erarbeitet zu haben. In Ihrer Situation geht es vielleicht um ganz andere Ziele. Zum Beispiel die Escaped Defects zu verringern oder das Deployment voll zu automatisieren. Je individueller und konkreter Ihr Ziel, desto weniger hilfreich ein Modell.

Klappt das wiederholt nicht, ist etwas faul. Ein Modell (sofern Sie per Zufall eines benutzen, das Ihr Problem anerkennt) wird Ihnen höchstens Hinweise auf Ursachen liefern. Mit anderen Worten, bei der Analyse und möglichen Lösungsansätzen lassen Modelle Sie im Stich.

Wenn es knirscht, gilt es Schritt für Schritt die Ursache zu finden, und die Situation Maßnahme für Maßnahme zu verbessern. Auf Augenhöhe und kollaborativ. Das kann kein Agile-Maturity-Modell der Welt leisten – nur Sie gemeinsam mit Ihren Teams (und einem Moderator?).

Entscheidend dafür ist die ursprüngliche Zielsetzung. Solange Sie nicht Einigkeit haben, was Sie verbessern wollen, können Sie nicht darauf hinarbeiten. Für diese Zielsetzung biete ich mein Workshopformat »Agile Readjust« an.


Ihr Sascha A. Carlin

Als Agile Coach verhelfe ich Führungskräften in der Softwareentwicklung zu sichtbar mehr Anteil am Unternehmenserfolg.

Kontaktaufnahme jederzeit via E-Mail oder Telefon +49 30 40782375.